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E = mc2

Mit dieser Formel ist Einstein berühmt geworden. Getrieben aber war er während seines ganzen Lebens von der Suche nach der Formel, die alle Abläufe und Geschehnisse auf der Welt und im Universum beschreiben könnte, zusammengefasst in einer Formel.

Gefunden hat er sie nicht, vielleicht weil es sie nicht gibt, oder aber weil es vielleicht gut ist, wenn wir einige Dinge nicht in eine Formel packen können und sie uns deshalb, wie ein Wunder erscheinen.

Ich stelle mir auch immer wieder die Frage, ob es eine Formel für den perfekten Gesang geben könnte. Quasi die Formel für den Gänsehautfaktor (GhF). Gemessen an all den Büchern über Gesangstechnik, die unterschiedlicher nicht sein könnten und Castingshows, hat der Gesang auf jeden Fall nichts an Faszination eingebüsst. Im Gegenteil: der Mensch scheint geradezu das Bedürfnis zu haben, sich vom Gesang verzaubern zu lassen. Der Sänger öffnet beim Singen seine Seele, die über die Stimme nach aussen dringt und beim Zuhörer wiederum in dessen Seele einzutauchen vermag. Im besten Fall, versteht sich.

Eine mögliche Formel dafür wäre vielleicht:

GhF = (Ö + Ä) x I          (Ö = Ökonomie; Ä = Ästhetik; I = Individualität)

ÖKONOMIE - steht für mich als Oberbegriff für eine gesunde Stimme, die einen gewissen Umfang zu bieten hat und die verschieden Register gut vermischt sind.

ÄSTHETIK - bedeutet, dass man  seiner Stimme und Ihre Möglichkeiten bewusst einsetzt, z.B. Textbehandlung, kein Anschleifen der Töne oder der Umgang mit dem Vibrato, besonders wichtig bei alter Musik, aber auch beim Jazz oder Musical. Und natürlich ein Bewusstsein und Fähigkeit zu einer guten Intonation.

INDIVIDUALITÄT - ist sehr stak durch das eigene, möglichst unverkennbare Timbre bestimmt, aber drückt sich auch im musikalischen Gestaltungsmöglichkeiten des Sängers aus. Der Sänger als unverwechselbarer Interpret und Individuum ist ein fast unabdingbar für den GhF.


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Natürlich ist es nicht möglich diese Bereiche jederzeit messerscharf voneinander zu trennen, da es eben auf ein nahtloses Zusammenspiel ankommt.

Gerade bei Ökonomie und Ästhetik sind die Grenzen sehr fliessend. Bei der Klassik geht man immer davon aus, dass eine schöne Stimme (Ästhetik) auch eine gesunde Stimme (Ökonomie) ist. Allerdings fordert gerade die klassische Ästhetik einiges von einer Stimme. Im besten Fall soll sie rund und wohlklingend sein, muss einen ziemlichen Umfang bewältigen und sollte eine gewisse Schallkraft besitzen, da man sie so ohne Mikrophon hören sollte. Dieser hohe Anspruch, kann eine Stimme aber auf Dauer auch müde machen und Abnützungserscheinungen hervorrufen: Grosses Vibrato, Heiserkeit, Verlust der Höhe oder auch Stimmbandknötchen können die Folge sein. Wobei das grosse Vibrato nur punkto Ästhetik ein Problem darstellt. Vom stimmökonomischen Standpunkt kann es die Stimme sogar vor Schaden bewahren. Für  die Individualität beim klassischen Singen ist sogar oft ein nicht ganz gelöster stimmlicher Fehler etwas positives, der aber nicht so gravierend sein darf, als dass es der Stimme schaden würde, z.B.  Nasalität, Gaumigkeit, zuviel "Metall", einen kleinen Schleier und anderes mehr verleiht der Stimme einen Wiedererkennungswert, nach welchem man als Zuhörer regelrecht sucht.

Diese Fehler sind in anderen Musikrichtungen gerade erwünscht, weil die Individualität an oberster Stelle steht. z. B. bei einigen Countrysängern ist die Stimme sehr penetrant, aber diese Direktheit passt eben genau zur Musik und trotzdem ist dieser Gesang nicht unökonomisch. Oder z.B. bei Eros Ramazotti ist dieser etwas quäkige Gesang geradezu ökonomisch, um sich stimmschonend und intonationssicher in diese Höhen zu schwingen, obwohl die Stimme, würde man sie von seiner Musik trennen nicht gerade ästhetisch klingt. Joe Cocker hingegen benützt seine Stimme sehr unökonomisch, erhält dadurch aber eine unvergleichbare Individualität, die er auch noch sehr geschmackvoll einzusetzen vermag, denn er trifft die Töne und versteht mit seiner Stimme zu musizieren.

Die meisterhafte und nicht mehr zu übertreffende Vereinigung von Ökonomie und Ästhetik konnte man bei Edita Gruberova bewundern, die ihre Stimme maximal unter Kontrolle hatte, auch in Extremlagen. Deshalb wurde ihr Gesang aber auch immer wieder als unterkühlt kritisiert. Die perfekte Technik als Verlust von Individualität? Ich war allerdings zutiefst beeindruckt von ihrer Zerbinetta in Zürich, die tatsächlich live so perfekt wie auf Aufnahmen gesungen war. Eine unglaubliche Leistung!

Was letztlich nur zeigt, dass der Ghf natürlich auch sehr stark vom Geschmack des Zuhörers abhängt.

Auch wenn meine Formel nicht ganz ernst gemeint ist, kann sie vielleicht doch bei der Selbstanalyse und dem Entdecken der eigenen Stimme etwas Klarheit schaffen. Die Anlagen sind Natur gegeben, bei deren Entwicklung und Zusammenspiel ist aber einiges möglich, wenn man genug Geduld aufbringt. Schwierig ist übrigens auch, wenn mein eigener Geschmack nicht mit meinen Anlagen übereinstimmt. Mit einer hellen klaren Stimme werde ich nie wie Placido Domingo, aber auch nicht wie Tom Jones klingen können, auch wenn mir das noch so gut gefällt. Aber es ist wie mit Wein: es gibt Rot- und Weisswein, beide können aber gut sein, wenn sie mit Liebe und Fachwissen hergestellt wurden.

Auf meiner Homepage liegt es natürlich nahe meine eigene Entwicklung zu beleuchten. Sie finden bei meinen Klangbeispielen eine Aufnahme von mir aus dem Jahre 1990, wo ich die Strophe eines Jodelliedes, begleitet von meinen RS-Kollegen, singe (Hörprobe). Ich habe versucht das Maximum aus meiner Stimme zu holen und habe sie also nicht extra klein gehalten. Ich glaube, man erkennt eine helle, nicht unästhetische Stimme und einen musikalischen Gestaltungswillen. Aber der Weg zum klassischen Sänger war weit und ist noch nicht zu Ende. Der Sänger lernt tatsächlich immer weiter, da sich die Stimme immer wieder etwas verändert. (Interessant ist vielleicht der Vergleich von dieser Jodelliedstrophe zum mit Absicht im Piano gehaltenen Bachrezitativ "Mein Jesus schweigt".)

Wie es klingen kann, wenn ( Ö + Ä) x I  perfekt zusammenspielen, möchte ich Ihnen auch nicht vorenthalten. Es ist die Aufnahme vom jungen Pavarotti im Verdi-Requiem (http://www.youtube.com/watch?v=Dzx5JM6fW7A. Es ist für mich das Maximum an Ökonomie mit Ästhetik gepaart. Seine Phrasierung ist beispielhaft und man hört ihm keine Sekunde an, dass diese Arie schwierig sein könnte. Aber schon in seinen besten Jahren hört man immer sofort: das ist Pavarotti. Bei dieser Musik ist es die Kunst auf eine introvertierte Art, extrovertiert zu singen. Nicht extrovertiert sein, um des eigenen Ego willens, sondern, weil die Musik eine grosse Geste braucht. Das schaffte Pavarotti in seinen jungen Jahren spielend.

Geschmäcker sind natürlich verschieden, aber es ist grossartig, dass es immer wieder neue Stimmen geben wird, die es schaffen werden uns zu erstaunen und uns beim Zuhören eine Gänsehaut machen können, jenseits des Wissens um irgendeine Formel.



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20. Feb 2008